Von Scheinbesetzungen und anderen Irrtümern

Ich hasse ich dieses Besetzer-Theater an der Uni: Im Rahmen dieses sich fast jährlich wiederholenden Schauspiels wird ein Raum oder gar ein Trakt einer beliebigen Universität besetzt. In fast allen Fällen wird dem ursprünglichen Nutzern dieses Raumes weder der Zugang noch die Nutzung des Raumes verwehrt. Was die gesamte Besetzung in etwa so sinnvoll macht, wie ein Glas Wasser in den Regen zu stellen. Denn so kann der Unipräsident im „besetzten“ Präsidium weiter sein Büro benutzen, und von dort weiter an der Verteidigung seiner Politik arbeiten. Besetzte Seminarräume und Hörsäle werden extra für die vorgesehenen Veranstaltungen wieder frei gegeben. So tragen die Proteste etwas zum Lokalkolorit der jeweiligen Universitätsstadt bei, eine weitergehende Wirkung bleibt jedoch ausgeschlossen. Das stellen dann häufig auch die Besetzer in den jeweiligen Räumen fest. Nachdem diese also angemalt sind und verschiedene Partys gefeiert wurden, stellt sich häufig die Frage des wie weiter? In den ambitionierten Projekten gibt es dann eine OpenUni oder ähnliches. Viele Besetzungen werden nach Ende ihrer subkulturellen Halbwertszeit einfach aufgegeben. Spätestens wenn die Polizei klopft ist eh Schicht im Schacht, wirklich etwas riskieren möchte kaum einer, schon gar keine Anzeige. Anders als die Bewegung um 1968, auf die man sich häufig positiv bezieht, welche die juristische Auseinandersetzung explizit suchte und damit die Studentenschaft zum Teil extrem polarisierte, will der Bildungsstreik eben jene um jeden Preis vermeiden. Und mit ihr auch jede Form der Polarisierung der heutigen Studenten, und damit expliziten Politisierung ihres angeblichen Subjektes. Die aktiven Studierenden sollen bitte um keinen Preis belästigt werden denn, so eine häufig gehörte Erklärung, man brauche doch ihre Solidarität um mit dem gemeinsamen Anliegen erfolgreich zu sein. Dies führt zu solch grotesken Verrenkungen wie den erwähnten Scheinbesetzungen. Das einzige gemeinsame Anliegen was den politisch aktiven Studenten mit dem aktiven studierenden Studenten teilt, dem er so freundlich alle Türen aufhält, ist leider nur das einer möglichst lohnenswerten Karriere. So wird es also auch nie dazu kommen, dass die Solidarität der Mehrheit jemals eingefordert werden muss, da ihr ja jegliche Möglichkeit zur Polarisierung so konsequent erspart wird. Und somit wird der „breitest mögliche Konsens“ zum Dogma der Proteste, das vor allem jenen nutzt die aktiv an der Verschlechterung der Studienbedingungen beteiligt sind. Die passive Mehrheit der Studierenden wird damit zum Fetisch auf den die gesamte „Protestbewegung“ grade zu panisch Rücksicht nimmt.

Protest Lounge... falls die Svheinbestzung mal zu anstrengend wird

Und so entsteht im Schatten der Pseudostreiks und Scheinbesetzungen eine bizarre Grauzone aus falsch verstandenem Aktivismus und der Unfähigkeit der Handelnden, überhaupt eine politische Aussage abseits von „Bildung für Alle und zwar umsonst!“ zu treffen. Eine Grauzone in die sich mit erschütternder Regelmäßigkeit auch Aktivisten der (radikalen) Linken verirren und an ihr abarbeiten. In vielen Städten, auch in Göttingen, werden die Aktionen von ihnen maßgeblich angestoßen und getragen, die evtl. Nacharbeiten, sollte es zum Beispiel doch zu Repressionen kommen, werden über ihre Strukturen betreut und es sind grade an Universitäten mit rechten und rechts konservativen Studierendenvertretungen ihre finanziellen Mittel die den Protest tragen. Dennoch schaffen sie es nicht, aus ihren Aktivitäten einen Nutzen zu ziehen oder zumindest den kritischen Horizont der Proteste zu erweitern. Schlimmer noch, in manchen Städten werden offen linke Gruppen mit dem Argument des breitest möglichen Konsens aus den Aktivitäten ausgeschlossen. Auch so mancher Comment sollte hier mal einige zum Nachdenken anregen. Dennoch scheint eben der Gedanke des „breitest mögliche Konsens“ nur wenigen von ihnen absurd genug um auch innerhalb der Proteste konsequent eigene Inhalte zu vertreten. Statt dessen macht sich ein gefährlicher Urinstinkt aller Linken breit: Die Hoffnung auf die revolutionären Massen. Die Logik ist genauso fehlerhaft wie vollständig unbegreiflich. Sie glauben doch scheinbar daran, dass jene passive Mehrheit der Studenten, denen eine Teilnahme an den Protesten nur möglich ist, wenn die eigenen Positionen dafür beinahe verleugnet werden müssen, durch eben jene Proteste ohne explizit links besetzte Inhalte derartig politisiert werden würden, dass sie in ferner Zukunft die Kämpfe der linken unterstützen würden. Gipfeln tut dieser Selbstbetrug in der Parole „vom Bildungsstreik zum Generalstreik“.

Solange von der Mehrheit der involvierten linken Aktivisten der geforderte Konsens blind akzeptiert, sogar jenen ihre Räume öffnet, die sie später als Chaoten bezeichnen, bleibt sie in ihrer eigenen Ohnmacht gefangen. Solange sie den Asta und die beteiligten Gruppen nicht durch eigene Aktionen als passiv und unfähig darzustellen, solange wird sie auch an der Uni nicht für einen Wechsel des politischen Klimas sorgen können. Denn wer das Einbringen eigener Themenfelder und Parolen in die Proteste auf einen Block bei Demonstrationen beschränkt, der tut seinem oft formulierten Anspruch, vor allem über die Praxis seine politischen Forderungen zu vermitteln, nicht im geringsten recht. Im Gegenteil, dort wo diese Praxis derartig von der Bezugnahme auf eine vollkommen abstrakte Mehrheit diktiert und eingeschränkt wird verkommt sie zur entpolitisierten Simulation von Protest.


6 Antworten auf „Von Scheinbesetzungen und anderen Irrtümern“


  1. 1 Tom Fancy 19. November 2009 um 2:44 Uhr

    Ja, ja, immer nur meckern – und wo ist hier das Miteinander? Ausserdem „DIY“ Junge! :x

  2. 2 lampe 19. November 2009 um 18:45 Uhr

    oh wie schön! ich hab schon länger nach einem guten grund gesucht nicht zu diesen krams zu gehen. wunderbar haste dass mit geradezu poetischen formulierungen („subkulturelle Halbwertszeit“) zusammengefasst. um den kommentar mit einem zitat zu beenden: „ich war nie ein schwuler student“ (bushido)

  3. 3 Tom Fancy 20. November 2009 um 1:53 Uhr

    Auch nen kleiner Akt vom Stück: http://de.indymedia.org/2009/11/266379.shtml

    Wenn Kassels Studenten auf die Strasse gehen, dann gehen die ab wie die Französische Feuerwehr

  4. 4 Tom Fancy 20. November 2009 um 2:01 Uhr
  5. 5 dorfdisco knows best 20. November 2009 um 16:08 Uhr

    Na toll! Die dürfen da mit Helmen demonstrieren. Kein wunder dass die Feuerwehr in Deutschland nie auf Demos geht.

  6. 6 Tom Fancy 20. November 2009 um 17:40 Uhr

    So ließt es aus der Sicht der verfeindeten Mannschaft „Team Green“:

    19.11.2009 | 16:17 Uhr
    POL-KS: Studentenprotest in Kassel: Demozug durch die Stadt – ca. 150 Studenten im Rathaus

    Kassel (ots) – Nachdem im Internet zu einer Demonstration aufgerufen worden war, versammelten sich gegen 12.00 Uhr rund 300 Studenten auf dem Kasseler Universitätsgelände.

    Von dort setzte sich ein Demonstrationszug durch die Kasseler Innenstadt in Bewegung, der von der Polizei begleitet wurde. Dabei zeigten die Demonstranten Transparente unter anderem mit der Aufschrift “ Streik verändert“ und „Besetzt den Hörsaal“. Die Marschroute verlief über den Holländischen Platz, die Artilleriestraße, Bremer Straße, Untere Königsstraße, über den Königsplatz zur Unteren Karlsstraße und von dort über den Steinweg zum Marställer Platz. Vor der CDU-Geschäftsstelle legten die Demonstranten einen kurzen Zwischenstopp ein und machten mit Parolen auf ihre Situation aufmerksam. Anschließend zogen die Versammlungsteilnehmer über den Entenanger zur Oberen Königsstraße bis zum Rathaus. An der Rathaustreppe erfolgte eine Zwischenkundgebung, von der sich ca. 150 Demonstranten plötzlich trennten und ins Rathaus liefen. Dort versammelten sie sich im Bürgersaal und skandierten „Bertram, Bertram“, um das Gespräch mit dem Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen zu suchen. Der Oberbürgermeister erschien daraufhin bei den Studenten und führte mit ihnen ein ca. 10-minütiges Gespräch. Anschließend verließen die Protestler den Bürgersaal und zogen zur Spohrstraße, wo vor dem DGB-Haus eine kurze Rede gehalten wurde. Danach bewegte sich der Zug zum Kulturbahnhof, wo sich weitere, rund 50 mit der Bahn angereiste Studenten der Uni-Außenstelle Witzenhausen der Demonstration anschlossen. Über die Werner-Hilpert-Straße und Hoffmann-von-Fallersleben-Straße kehrten die Studenten zum Universitätsgelände zurück, wo sich die Versammlung gegen 15.00 Uhr auflöste.

    „Die Veranstaltung verlief insgesamt störungsfrei und ohne nennenswerte Zwischenfälle. Die Studenten zeigten sich dabei sehr kooperativ. Der Verkehr wurde vom Demo-Zug nicht wesentlich beeinträchtigt“, erklärte Kriminaloberrätin Beate Theis von der Polizeidirektion Kassel, die den heutigen Einsatz leitete.

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