Back to the Future

Als Lurchi noch klein und (relativ) unschuldig war, gab es im Dorf ganz eigene Verhältnisse. Während sich die radikale Linke nach 1989 allerorten auf den Rückzug machte, bewegte sie sich in Göttingen recht agil nach vorne. Und so durfte ich mich noch an vermummten und mit Seilen gesicherten schwarzen Blöcken erfreuen. Neben dem Lauti trug Jürgen Trittin Knüppel und Bolzenschneider durch unser Dorf und Bernd Langer verkündete mir im übelsten Lauti-Sound das hinter dem Faschismus immer das Kapital steht. So schön diese Zeiten auch waren, so plötzlich waren sie vorbei. Ich lernte (schmerzhaft) was ein Wanderkessel ist, Jürgen Trittin legte die Waffen ab und zog in den Bundestag, um dort zu ganz anderen Waffen zu greifen, und Bernd Langer schaffte es als erster Autonomer jemals einen eigenen Wikipedia Artikel zu bekommen.

Mir ist nicht klar, ob es am Aufkommnden 90er Revival liegt, aber allen Analysen vom Rechtsruck der Gesellschaft und der Bedeutungslosigkeit der radikalen Linken zum Trotz will der Göttinger Stadrat nun zurück in eben jenes Jahrzehnt. Per Ratsbeschluss wird Polizeichef Hans „der Hubschrauber belästigt nur die Anwohner“ Wargel nun gebeten doch bitte auf die Demo am kommenden Samstag ausnahmsweise mal deeskalierend zu reagieren. Mehr noch! Selbst die SPD ist der Meinung, dass dauerhaft ein neues Deeskalationskonzept her muss statt unüberschaubaren Massen von Hundertschaften. Nun gibt es einen breiten Diskurs darüber, ob Geschichte sich wiederholen muss, also in Zyklen verläuft, oder eher etwas lineares ist, in dem manche Phänomene mehrfach auftauchen. Wir werden abwarten müssen ob es zyklisch oder linear verläuft. Das so etwas überhaupt noch einmal läuft hätte ich nicht geglaubt.

Andere Gruppen haben ja in der jüngsten Vergangenheit eher würgend und schlagend versucht für andere Verhältnisse in Göttingen zu sorgen. Allerdings sollte der Horizont hier wohl eher Richtung Magdeburg verschoben werden. Auch da hätte ich nie geglaubt, dass sowas läuft. Umso glücklicher bin ich, dass mir trotz meiner deutlichen Kritik an der großen A.L.I. Eigenwerbung in der Roten Strasse noch keine körperlichen Konsequenzen angedroht oder umgesetzt wurden. Dafür haben die ästhethisch versierteren Bewohner wohl mittlerweile zumindest Hammer und Sichel vom Tor entfernt. Denen heult zumindest Weltgeist wortreich hinterher. Weniger einfallsreich gestaltet sich die Verteidigung eben jener Werbewand seitens Fire&Flames. Da heißt es dann:

Finally, for el3ktrolurch: it takes a very special interpretation to read a mural which reproduces a historic design from back then, together with the „spruch“ and date of the incident as having no „aussage abseits von werbung für seine Gruppe oder veranstaltung.“


Ja da hat er recht. Es bedarf einer besonderen Leseart um einen den Mist nicht als Werbung für eine Veranstaltung zu verkaufen. Es bedarf aber nicht nur einer besonderen Leseart, sonder auch eines besonderen Verständnisses des Wortes „historisch“. Das Motiv das dort wiedergegen wird, ist das Motiv des A.L.I. Plakates zur Demo am Samstag. Nicht mehr und nicht weniger. Motiv und Farbgebung sind Deckungsgleich.

Unglaublich historisches Plakat

Das Plakat greift zwar das Motiv des Fronttranspis von 1989 auf, da enden die Parallelen dann auch. Historisch ist da nix. Wenn ich mir die Beschriftung anschaue, kommt mir wirklich das Kotzen. 20 Jahre war es Konsens ihren Nachnamen nicht zu nennen. Genauso wie nach der Sache mit Spiegel TV klar war, dass ihr Bild nicht mehr gezeigt werden soll. Das wiederum konnten scheinbar die alten Recken der AA[M] nicht vertragen und mussten es gleich in ihrem Flyer noch einmal zeigen. Aber das ist eine andere Geschichte. Den Vorwurf, dass hier eine „Märtyrerin“ für eine Gruppe vereinnahmt werden soll, muss sich die A.L.I. gefallen lassen. Es wäre auch ein deutlich neutraleres Bild vorstellbar gewesen. Ein Bild bei dem im Sinne des Murals die Erinnerung im Zentrum gestanden hätte. Das ist auf Fire&Flames klar. Nicht umsonst zeigen sie also schnell noch die gelungeneren Bilder am gleichen Platz. Der Verweis, dass es sich dabei um den gleichen „Kreis“ handeln würde, macht die Sache auch nicht besser. Sondern eher schlimmer.

Verwiesen werde ich auch auf das Bild an der Flora in Hamburg. Hier erreicht das ganze die Grenze zur Lächerlichkeit. Zwar ist hier wirklich mal etwas historisch, aber genau dort liegt auch des Pudels Kern: Wer ein altes Motiv einfach erneuert, welches zudem alle Qualitäten besitzt die von einem Mural erwartet werden, wird sich wohl kaum irgendeiner Kritik aussetzen müssen. Aber ihr hättet ja auch ein 2×3m Gruppenlogo druntersetzen können. Mal sehen wie sich die Flora da gefreut hätte.


11 Antworten auf „Back to the Future“


  1. 1 fireandflames 09. November 2009 um 17:37 Uhr

    I could say a lot, but I wont. How quickly you reach towards insult and folklore to „support“ your arguments really disqualifies you from further discussion, and means I refuse to make the (admittedly little) effort to answer. Congratulations and keep it up. Have fun agreeing amongst yourselves.

  2. 2 Tom Fancy 09. November 2009 um 19:12 Uhr

    Also solch Kunst- und Kulturdebatten, wollen wa das nicht den Nerds überlassen, lasst uns lieber wieder auf den guten alten Klassenkampf rückbesinnen.

  3. 3 loverboy 666 09. November 2009 um 20:20 Uhr

    neben den ästhetischen verunglimpfungen und dem „märtyrer*innenscheiss“ möchte ich noch darauf hinweisen, dass sich ali, deren member wohl im schnitt zwischen 20 und 25 jahren bewegen hier nach 20 jahren immer noch mit „wut und trauer“ hausieren gehen. wie kann denn ernsthaft getrauert werden um einen menschen, den wahrscheinlich keiner dieser formation je gekannt hat. was für eine heuchelei!

    es gibt tatsächlich eine politische notwendigkeit auf die geschehnisse hinzuweisen und es gibt eine kontinuität, die leute in den tod treibt, aber diese auch nur ansatzweise vernünftig zu artikulieren ist so mancher revoluzzer*innenclub leider nicht fähig.

    trotzdem auf die strasse – gegen blödheit und vergessen!

  4. 4 @loverboy 10. November 2009 um 12:07 Uhr

    Mit der Argumentation dürfte sich ja außer der AA(M) und nichtmal ner Handvoll Juzi-Leuten überhaupt niemand zu dem Thema äußern. Den gleichen Quatsch hat übrigens neulich Felix Lee in der taz verzapft, nach dem Motto „Was würde Conny gefallen..“

  5. 5 loverboy 666 10. November 2009 um 14:31 Uhr

    ich nehme an, du redest davon:
    http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=me&dig=2009%2F10%2F31%2Fa0013&cHash=48a8c68e2f

    hat herzlich wenig mit meinem kommentar zu tun. ich sage lediglich, dass trauer um jemanden, den du nie gekannt hast, kein argument sein kann und nur geheuchelte anteilnahme darstellt. warum dieses datum, die geschichte dieser zeit, dennoch wichtig ist?
    das system treibt ständig menschen in den tot und meine motivation dagegen anzugehen ist weitestgehend identisch mit den idealen (unter anderem) dieser zeit. die utopie einer befreiten gesellschaft.

    naja … ich schreib hier jetzt kein flugi – das können andere besser. zum beispiel die hier:
    http://www.redical.antifa.net/index.php/aktuelles/36-in-goettingen/167-kampf-der-gewalt-der-falschen-freiheit

  6. 6 @loverboy 10. November 2009 um 19:00 Uhr

    Der Vorwurf der Vereinnahmung kaschiert zumeist nur, dass einem die politische Stoßrichtung nicht gefällt. In der taz liest es sich so:“Mir persönlich waren die „Gedenkdemos“ suspekt. Denn programmatisch hatten sie vor allem eine Aussage: den Polizeistaat angreifen.“
    Gefordert wird: irgendwie privat trauern ok, aber nicht zu politisch werden.Das ist sozusagen Ignoranz auf niedrigstem Level. Ähnlich verhält es sich mit den JuziDogmas,deren du Dich auch bedienst“20 Jahre war es Konsens ihren Nachnamen nicht zu nennen. Genauso wie nach der Sache mit Spiegel TV klar war, dass ihr Bild nicht mehr gezeigt werden soll“ Beides stimmt nicht und war in der Vergangenheit des öfteren nicht der Fall (vgl`Demoaufruf 1999 z.B.).Das Politische läßt sich eben nicht zur Privatsache erklären. Und ohne das ganze zu sehr auszuwalzen wurden die Bilder damals aus Connys Juzi-Umfeld an eine „aufstrebende“ Redakteurin weitergegeben, das schlechte Gewissen kam dann erst hinterher und wurde flugs von allen eingefordert (die größten Kritiker der Elche… und so). Dass der AA(M) entsprechende Benimmregeln schon immer eher egal waren find ich eigentlich ganz erfrischend.

  7. 7 loverboy 666 10. November 2009 um 19:12 Uhr

    lies mal bitte meine beiträge und dann nochmal deine kommentare. entgegen: „irgendwie privat trauern ok, aber nicht zu politisch werden“ habe ich etwas ganz anderes geschrieben. wenn du nur mit dir selbst reden möchtest, dann adressiere deine posts nicht an mich. danke!

  8. 8 @loverboy 10. November 2009 um 19:34 Uhr

    ja stimmt, der letzte Teil geht an el3krolurch, Deine Adressierung wurde bloß voreingestellt. Aber darfst auch mitlesen.

  9. 9 blabla 10. November 2009 um 19:55 Uhr

    schöner schrieb.

    @fireandflames: ihr seid echt arm…. man kann sich ja über vieles streiten, trotzdem ist es einfach ne sauerei namen&fotos wieder zu veröffentlichen…wozu? hat überhaupt jemand von euch besagte person gekannt? wie ist das mit persönlichkeitsrechten usw.? in dieser hinsicht seid ihr keinen deut besser als die springerpresse (und in vielen anderen auch nicht, aber das steht hier jetzt nicht zur debatte…)

  10. 10 el3ktrolurch 10. November 2009 um 21:34 Uhr

    mir erschien es aus dem grund ein sinnvolles „dogma“ weil es eben einem dumpfen personenkult verbeugen kann… und vielleicht auch hat… ich persönlich fand es auch immer erfrischend das die M nicht nach den juzi regeln gespielt hat… sonst wäre die linke hier vermutlich ähnlich scheintod wie in anderen städten wo vor 20 jahren noch was ging… trotzdem finde ich das herausstellen von bild und nachnamen unnötig… denn das sehe ich ähnlich wie loverboy, wirklich um den menschen hinter den ereignissen trauern können wohl nur jene die sie auch persönlich gekannt haben… für alle anderen entsteht höchstens ein abziehbild…

    mir geht es dabei aber nicht um die politische stoßrichtung, denn jene missfällt mir absolut nicht… es gibt klare verantwortliche für die vorgänge von heute und damals und diese handlungen gehen über die ergeinisse um den 17.11.1989 weit hinaus… zsk, spudok, mackenrode prozess oder 129a gegen die M seinen hier nur kurz erwähnt… ein solcher fixpunkt der alle spektren und szenen verbindet, wie es connys tod bis heute ist… der allein durch seine tragik und eindeutigkeit zur positionierung auffordert, muss von uns einfach genutzt werden um gegen alle formen der repression (deren radikalste form immer der mord ist) in die offensive zu gehen…

    @ f&f
    sei mal nicht so angepisst… wie ich an anderer stelle schon sagte: ist halt ein battle ding und bisschen „insult“ gehört immer dazu… leider sind die vorfälle auf die ich anspiele eben keine folklore… aber sonst wärst du auch nicht so angepisst sondern könntest drüber lachen nehme ich an… :)>-

  11. 11 @ f&f 21. November 2009 um 15:05 Uhr

    @F & F
    „I could say a lot, but I wont. How quickly you reach towards insult and folklore to „support“ your arguments really disqualifies you from further discussion, and means I refuse to make the (admittedly little) effort to answer. Congratulations and keep it up. Have fun agreeing amongst yourselves.“

    Bist du eigentlich so ein Antideutscher der seine die deutsche sprache nicht leiden kann oder warum formulierst du alles immer in Englisch?

    :d

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